Kostproben (ein
Kapitel):
Jiao Ran – Poet der
Klarheit und Schlichtheit
Jiao Ran
(730-799) hat
stilbildend in der
Chan-Dichtung gewirkt
und gilt als Verfasser
zahlreicher berühmter
Chan-Verse, die sich vor
allem durch Klarheit und
Schlichtheit
auszeichnen. Er wurde
unter dem Familiennamen
Xie in Huzhou in der
heutigen Provinz
Zhejiang geboren und
lebte dort lange Zeit
auf dem Shu-Berg. Hier
entstand seine
Shu-Berg-Sammlung
(Shushanji), aus der
auch einige der
folgenden Verse
stammen. Seine späten
Jahre soll er im
Miaoxi-Tempel am Xu-Berg
bei Wuxing verbracht
haben. Es heißt auch, er
sei der zehnte Enkelsohn
der berühmten Dichters
Xie Lingyun (385-443),
der zur Zeit der Sechs
Dynastien lebte. Jiao
Ran, der den größten
Teil seines Lebens als
Mönch verbrachte, gilt
außerdem als bekannter
Teegelehrter. Bei den
Guzhu-Hügeln in der Nähe
von Hangzhou soll er
einst einen Teegarten
besessen haben. Viele
Stunden verbrachte er
dort mit seinem Freund,
dem berühmten Teekenner
Lu Yu, beim Betrachten
der Teesträucher und dem
Geniessen des Tees. „Die
erste Tasse Tee entfernt
die Benommenheit aus dem
Kopf, die zweite wirkt
wie ein Reinwaschen der
Seele, nach der dritten
kann man das Wesen der
Dinge erkennen“,
schrieb Jiao Ran. Der
Mensch sei nicht
imstande, Wut und Ärger
aktiv auszumerzen, so
seine Auffassung, man
könne sich seiner
Gefühle jedoch bewusst
werden. Aus dem
achtsamen Wahrnehmen
entstehe das bewusste
ethische Handeln. Das
Teetrinken hielt er für
ein geeignetes Medium,
um die Beziehungen
zwischen Mensch und
Materie, zwischen Körper
und Geist zu verstehen.
Daher seine
Hochschätzung der
Teekultur.
Der Mond auf dem
Fluss
Der Herbstmond auf dem
Fluss – voller Anmut
Wie neugeboren sind alle
Dinge
Im hellen Lichtglanz
ruhen die Ufer
Auf zarten Wellen tanzen
lichte Schatten
Im Nicht-Denken bleibt
nichts unerfasst
Die Chan-Nacht folgt dem
Lauf des Mondes
Der Mond auf dem Wasser
Tief in der Nacht
fällt
der Blick auf den Teich
Versunken im Chan
in
mondheller Nacht
Den Mond im Wasser
kannst du nicht
ergreifen
Klar ist der Geist
wenn
er in sich ruht
Du fragst:
Wie
zur Leere erwachen?
Verweile beim Bild
des
Mondes auf dem Wasser
Die Bahn des Mondes
Aus allen Häusern
blicken
die
Menschen hoch zum
Herbstmond
Der Anblick der Berge
ist
ein ganz anderes Bild
Friedlich und still
das
Land zwischen Berg und
Tal
In tiefer Nacht leuchtet
der
Mond über den Gipfeln
Die Menschen am Meer
sagen
er
steige aus dem Wasser
empor
Die Menschen in den
Bergen sagen
er
komme hinter den Bergen
hervor
Das Mondorakel verkündet
Freude
es
verkündet Kummer
Der Mond ist der Mond
hat
nichts damit zu tun
Von der Vorzeit bis
heute
ist
es der gleiche Mond über
dem Berg
Die Menschen schauen zu
ihm hinauf
schon
seit ewiger Zeit
Zahllosen Menschen
in
ungezählten Nächten
War die Sichel des
Mondes
Wegweiser und treuer
Gefährte
Wolken über dem Fluss
Über dem Fluss ziehen
Wolken auf
Ein wirbelndes Band, das
den klaren Raum
durchzieht
Reich an Formen sind
sie, doch ohne Substanz
Sie treiben mit dem Wind
und hinterlassen keine
Spur
Und so bin auch ich, ihr
Gefährte
In der Loslösung bin ich
eins mit ihnen
Das Hören der Glocke
Am Winterberg ein Tempel
steht
Glockenklang im Winde
weht
Schall beugt Zweig im
Mondeslicht
Schwingung auch den
Raureif bricht
Klare Nacht den Frieden
nährt
Herz das Reine Land
erfährt
Ein Glockenschlag im
Miaoxi-Tempel –
Dem Mandarin Lü gewidmet
Vom Kalten Berg tönt
Glockenklang
Beim Lauschen wird der
Ton klar
Schließlich verstummt er
in der Stille
Weit in der Ferne
rauscht ein Wasserfall
In der Nacht währt das
Rezitieren länger
Zwischen den Versen kein
Stillstand
Aus tiefer Stille
erwacht der Mönch
Der Pilger geht fort
ohne Abschied
In der Stille die Berge
ohne Eigenschaften
Wie könnte der wirkliche
Ton
je
aufhören zu erlöschen
Vergebliche Suche nach
Hongjian
Sein neues Heim liegt
unweit des
Dorfes
und
dennoch ruhig und still
Ein schmaler Weg führt
durch die Wildnis
vorbei an Hanffeldern
und Maulbeerhainen
Die Chrysanthemen beim
Heckenzaun
sie
scheinen frisch
gepflanzt
Wie sollten sie sonst
blühen
jetzt
mitten im Herbst
Als ich an das Tor
klopfe
schlägt kein Hund an
Enttäuscht wende ich
mich ab
und
frage den Nachbarn zur
Westseite
Der Edle sei in die
Berge gegangen
heißt
es
Erst mit den letzten
Strahlen der Sonne
kehre
er zurück
Ein Abend im Spätherbst
beim Tempel
am steilen Berghang
Kahl ist der Berg
überall treiben die
Blätter im Wind
Im Tempel in der
Steinschlucht
brennen nur wenige
Lichter
Gestern noch ein üppiger
Pilgerstrom
heute
kommt nicht ein einziger
In den kalten Nächten
kehren die Wolken zum
Berg zurück