und
Gesellschaftsreformer in gleichem
Maße an. Westliche Gelehrte versuchten,
den progressiven Gedanken in Kabirs Werken
auf Einflüsse des Christentums
zurückzuführen. Verschiedene
Reformbewegungen des 19. Jahrhunderts
entdeckten Kabir neu. Mahatma Gandhi, der
Vater der indischen Republik, wurde von
Kabir beeinflußt. Seine Maximen „Wahrheit
und Gewaltlosigkeit“, gehen auf Kabir
zurück. Der bengalische Dichter und
Philosoph, Rabindranath Tagore, der 1913
den Literaturnobelpreis erhielt, übertrug
Anfang des 20. Jahrhunderts Kabirs Verse
in einer freien Version ins Englische, um
die westliche Welt mit Kabirs Gedanken
vertraut zu machen. Auch in der Gegenwart
bleibt Kabir ein aktueller Dichter und
Mystiker, auf den man in Zeiten der
religiösen Konflikte, Klassen- und
Kastenkämpfe immer wieder zurückgreift.
Kabir kritisierte die gesellschaftlichen
Umstände, in denen er lebte. Er schonte
mit seiner Kritik weder Hindus noch
Muslime, die sich an die Dogmen ihrer
Religionen festklammerten. Er achtete
nicht darauf, zu welcher Religionsgruppe
oder Kaste seine Schüler gehörten, noch
darauf, ob sie aus gebildeten oder
ungebildeten Schichten stammten. Mit
seiner unverblümten Sprache zog er sich
viele Feinde zu. Er lehrte das Streben
nach der unmittelbaren Erkenntnis und der
Wahrheit des Seins. Die Gründung einer
neuen Sekte oder Religion lag ihm fern.
Bereits zu Lebzeiten fanden seine Lehren
Verbreitung in Nord- und auch in
Südindien. In seinem Namen entstanden
viele Sekten, die die Verbreitung seiner
Lehren systematisch institutionalisierten.
Kabir ist der am meisten übersetzte und
erforschte indische Dichter im Ausland.
1758 fertigte der Mönch Marco della Tomba
eine erste italienische Übersetzung von
einem der Werke Kabirs an. Englische
Übersetzungen folgten. Hierbei sind
besonders die erst vor einigen Jahren
herausgekommene, ursprünglich französische
Übersetzung ausgesuchter Verse Kabirs von
Charlotte Vaudeville und die englische
Übersetzung des Bijak („Samen“) von Linda
Hess und Shukdev Singh zu erwähnen.
Der Dichter selbst konnte weder lesen noch
schreiben; seine Lehren wurden in Versform
mündlich weitergegeben und erst später von
Schülern und anderen Zuhörern
aufgezeichnet.
1)
Anhänger der Reformbewegungen im 19. Jh.
Die Reformbewegungen grün deten sich auf
die Neuentdeckung der Veden. Der Glaube
an ein Höchstes Selbst ist ein
Berührungspunkt mit der Lehre Kabirs.
Ebenso das Streben nach dem
Einswerden der individuellen Seele mit
dem Höchsten Selbst als Ziel des
Menschenlebens.
Kabir Kurzbiographie
- Fakten und Legenden (von Shubhra
Parashar)
Kabir war der bedeutendste Dichter seiner
Zeit in Nordindien. Seine Lebensdaten
jedoch liegen größtenteils im dunkeln. Mit
großer Wahrscheinlichkeit wurde er in
Varanasi/Kashi geboren, wo er um die Mitte
des 15. Jahrhunderts auch lebte und
wirkte. Er gehörte der muslimischen
Weberkaste (Julaha) an. Seine Wanderreisen
führten ihn nach Rajasthan, Punjab,
Gujarat, in den Süden und Osten des
Landes. Nach seinen eigenen Worten hatte
er in Magahar (bei Gorakhpur) das Erlebnis
der göttlichen Erfahrung. Danach zog er
nach Kashi, wo er den Rest seines Lebens
verbrachte. Kurz vor seinem Tod verließ er
Kashi und ging nach Magahar, wo er starb.
Er scheint sich vom Islam losgesagt zu
haben, doch nahm er den Hindu-Glauben
nicht formell an. Anscheinend war er
verheiratet und hatte Kinder, vermutlich
einen Sohn. Er gilt als Schüler des Guru
Ramananda, dies aber ist nicht gesichert.
DER HISTORISCHE KABIR
Nach der Auslegung eines Verses wird seine
Geburt auf den 25. Juni 1397-98 (Samvat
1455, Vollmond der hellen Monatshälfte des
dritten Hindu-Monats) datiert; 1380, 1398,
1440 sind alternative Datierungen.
Gewöhnlich werden Magahar und Kashi neben
anderen Orten als seine Geburtsorte
erwähnt.
Kabirs Todesdatum ist umstritten. Nach der
Auslegung eines Verses wird sein
Todesdatum auf das Jahr 1518 (Samvat 1575,
erster Tag der hellen Monatshälfte des
elften Hindu-Monats) berechnet. Danach
müßte Kabir rund 120 Jahre alt geworden
sein. Die neuere Forschung hält 1448 für
wahrscheinlicher.
In der Diskussion steht auch die Herkunft
des Namens Kabir, der sowohl auf einen
arabischen als auch auf einen indischen
Ursprung zurückgeführt wird. Im Arabischen
bedeutet Kabir „groß“, „mächtig“,
„bedeutend“, „alt“. Das Adjektiv wird auch
als Vorname verwendet und ist einer der
neunundneunzig Namen Allahs. Nach einer
Hindu-Legende wurde Kabir vom Daumen einer
brahmanischen Witwe geboren. Deswegen
bekam er den Namen Kabir, abgeleitet von
Karvir, d.h. „der aus der Hand geborene
Held“. Es gibt Hinweise in Kabirs Versen,
daß er mit einer Frau namens Loi
verheiratet war und Kinder hatte. Der
Kabirpanthi-Orden lehnt diese Annahme
strikt ab.
KABIR-LEGENDEN
Die Legende erzählt, daß Kabir als
unehelicher Sohn einer brahmanischen Witwe
auf die Welt kam und von einer
muslimischen Weberfamilie wie ein eigenes
Kind aufgezogen wurde.