Reaktionen und Rezensionen zu

MIRABAI und KABIR

Reinhold Schein in: SÜDASIEN, Heft 02-03/2006
 September 2006
 

Kabir. Kabir fand sich im Gesang. Verse des indischen Dichters und Mystikers. YinYang Media Verlag, Kelkheim, 154 S., € 12,50
Mirabai. Liebesnärrin. Die Verse der indischen Mystikerin. YinYang Media Verlag, Kelkheim, 265 S., € 14.00

Mit diesen beiden Büchern hat der kleine YinYang Media Verlag in Zusammenarbeit mit dem National Book Trust, India, eine große editorische Leistung vollbracht. Die Verse der beiden berühmtesten Dichter der Gottesliebe (Bhakti) in der Hindi-Literatur, wahre Schätze des literarischen Weltkulturerbes, liegen hiermit in der Übersetzung von Shubhra Parashar vor.
Kabir (seine genauen Lebensdaten sind umstritten, jedenfalls lebte er im 15. Jh. in Varanasi) ist der bekanntere von beiden. Gedichte Kabirs sind bereits in mehreren deutschen Ausgaben erschienen, so zuletzt die kongenial in deutsche Verse übertragene Auswahl von Lothar Lutze Kabir. Ich hab mein Haus verbrannt (Salzburg 1998) und die Sekundärübersetzung aus dem Englischen Kabir. Im Garten der Gottesliebe (Heidelberg 2005). Shubhra Parashar hat 123 der 265 Gedichte aus der klassischen Textausgabe von H.P. Dvivedi ausgewählt. Ihre Übertragung ist keine lyrische Nachdichtung, sondern eine textgetreue Übersetzung in gut lesbare, schlichte Prosa. Verständnisvarianten und mehrschichtige Bedeutungen werden, wo nötig, in Fußnoten erläutert.
Kabirs Verse lassen eine geläuterte Spiritualität erkennen, die sich abseits der Tempel und Moscheen in der Innerlichkeit des Herzens entfaltet. Er genießt bis heute höchste Verehrung bei Hindus, wie auch bei Moslems und Sikhs (in deren heilige Schrift, den Guru Granth Sahib, viele seiner Gedichte aufgenommen wurden). Hauptthemen sind die Vereinigung der individuellen Seele mit dem höchsten Selbst, auf die Kabir seine Zuhörer immer wieder als das eigentliche Lebensziel verweist, und seine Kritik am orthodoxen Hinduismus und Islam.
Während Kabir die Tradition der nirguna bhakti, d. h. der mystischen Union  mit einem nicht bildlich vorstellbaren Gott vertritt, ist Mirabai die große Exponentin der saguna bhakti, der liebenden Verehrung eines gestalthaften persönlichen Gottes.
Mirabai (ca. 1498 – 1540), eine Tochter aus fürstlichem Haus in Rajasthan, richtete ihre Liebe seit ihrer Kindheit auf Gopala Krishna, den jugendlichen, mit seinem Flötenspiel die Herzen betörenden Gott mit der Pfauenkrone. Sie wurde standesgemäß verheiratet, stieß aber wegen ihres als unziemlich erachteten Singens und Tanzens für den göttlichen Geliebten auf heftige Opposition bei der Familie ihres Gemahls. Schließlich verließ sie den Hof, um besitzlos durch Nordindien zu ziehen und immer neue Lieder über ihre Liebe zu Krishna, das Glück der Vereinigung mit ihm und den Schmerz der Trennung von ihm zu singen. 
Mit diesem Band liegen erstmals alle als authentisch geltenden Lieder der Mirabai in deutscher Übersetzung vor.
Beide Bücher sind ähnlich ausgestattet. Einleitung, bzw. Anhang informieren über die Biographie der Dichter, über die Legenden, die sich um ihr Leben ranken, ihre Bildsprache und ihre Stellung in der Bhakti-Tradition. Fuß- oder Endnoten liefern Zusatzinformation zu einzelnen Versen. Ein Glossar erleichtert die Orientierung in der Begriffswelt der Bhakti-Spiritualität. Ein Index der Versanfänge in Hindi ermöglicht das Auffinden der Originaltexte und eine Auswahlbibliographie verweist auf Textausgaben und Sekundärliteratur.

zurück zur Übersicht