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nicht die nötige
Muße, um mich auf den neuen Roman zu konzentrieren. Ein ziemlich
frustrierender Zustand. Ich habe lange überlegt, wie ich dem abhelfen
könnte, und kam auf folgende Lösung: ein Schriftsteller braucht
ja nicht viel - einen Tisch, Papier und Schreibmaschine oder noch besser:
einen Computer bzw. ein Notebook. Alles andere habe ich im Kopf. Wo fände
ich also Ruhe, drei Mahlzeiten am Tag und ein sicheres Dach über dem
Haupt, um meiner eigentlichen Berufung nachgehen zu können? Im Gefängnis!
Eine Gefängniszelle würde völlig reichen. Das einzige Problem
wäre, wie hineinkommen? Ich möchte schließlich niemanden
umbringen, berauben oder sonstwie schädigen. Aber auch hierfür
gibt es eine Lösung: eine Entführung. Damit könnte ich sogar
zwei oder drei Fliegen mit einer Klappe (haha - meine Klappe kann sehr
laut sein!) schlagen:
Klappt die Entführung eines Millionärs oder Milliardärs (das ist natürlich Voraussetzung), könnte ich vom Lösegeld bzw. den Zinserträgen leben und der Menschheit hundertfältig zurückgeben, was ich erpreßt habe. Das wäre nicht nur eine Lösung im Sinne Robin Hoods, sondern sogar eine Lösung ohne Gefängnis. Dann würde ich mich in irgend einem warmen Billigland niederlassen und in der Wüste, die ich sehr liebe, den neuen Roman schreiben. Dem Entführungsopfer würde ich natürlich kein Haar krümmen. Ich würde ihm schon klarmachen, daß ich nicht |
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an sein Leben will. Ich möchte ihm alle unnötigen Ängste ersparen. Es wird ihm an nichts fehlen - die Bewegungsfreiheit ausgenommen. Geht die Entführung schief, lande ich zwar im Kittchen, komme aber dort endlich zum Schreiben. Wenn das Motiv zur Entführung bekannt wird, werden die Medien schon dafür sorgen, daß der Roman ein Bestseller wird. Damit wäre außerdem meine Zukunft nach dem Absitzen der Strafe gesichert. Und von den Bestsellereinkünften, die ja auch dem Verlag zugute kämen, könnten Sie die Autoren finanziell unterstützen, an denen Ihnen liegt. Leider gehöre ich nicht zu diesem erlauchten Kreis. Ich weiß, ich schreibe etwas zu naiv und hölzern für Ihren Geschmack. Sie mögen mehr den modern-spielerischen, intellektuellen Ton. Meine Schreibe entspricht nicht ihren literarischen Vorstellungen. Schade! Trotzdem muß dieser Roman geschrieben werden. Egal, ob Sie ihn gut finden oder nicht. Es wäre mir freilich am liebsten, mein Exposé und die Textprobe würden Sie überzeugen. Im andern Fall muß ich Sie bitten, mein Projekt direkt zu finanzieren. Mit Euro 1.000,- netto monatlich würde ich auskommen. Hiermit appelliere ich an Ihre Menschenfreundlichkeit, die ich kennenlernen durfte. |
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Nun aber zum Projekt
selbst. Es soll wieder ein großer Roman werden. Große Gefühle,
Liebesleidenschaft - und Quantenphysik. Ich verarbeite darin eigene Erlebnisse,
auf die ich teilweise schon bei „Isolde und Tristan " zurückgegriffen
habe. Der Prolog: Einstein, Goethe und Schopenhauer in der Quantenhölle
ist fertig. Ich füge ihn ebenfalls als Anlage bei.
Ich hoffe auf eine gute und gedeihliche Zusammenarbeit und verbleibe mit freundlichen Grüßen Katharina Jukulli."
Eine Unverschämtheit sondergleichen! Ein total verrücktes Weib! Oder soll das wirklich eine Erpressung sein? In die Wüste will sie! Bisher sind nur Verrückte oder religiöse Fanatiker daraus zurückgekommen, was dasselbe ist. Und der Stil des Briefes! Grell, laut - grob und stümperhaft. Manche Leute glauben, wenn sie schreiben, könnten sie sich alles erlauben. Natürlich können sie es. Aber gut geschrieben muß es sein. Gut geschrieben, Mädchen! Nicht nur klappern! Die Worte müssen wehen, fliegen, tanzen! Deine kriechen bleischwer am Boden entlang. „Und lege Ihnen das Exposé sowie eine Textprobe bei", reines Bürodeutsch. Forget it! Mach deine Entführung, hol dir deine Millionen und genieße die Sonne! Aber laß das Schreiben! |
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Deinen Brief hättest
du ganz anders anfangen müssen. Leicht, schwerelos muß er daherkommen.
Leicht wie der Duft einer frischen Erdbeere. So hättest du anfangen
müssen:
„Sehr geehrter Herr Kirdorf, ich habe lange über Ihre Worte nachgedacht und schließlich Ihren Rat beherzigt. Ich habe meinen Roman „Isolde und Tristan" komplett umgeschrieben und ihn in die Neuzeit versetzt. Eine Liebe von heute, die sich gegen den Willen der Betroffenen entfaltet und in einem Fanal von Angst und Gewalt untergeht. Mit Isolde stirbt die Liebe den Kältetod. Ich habe den Roman einige Male durchgearbeitet, die Zahl der Adjektive gelichtet und Wiederholungen gestrichen. Ich freue mich auf eine Besprechung der näheren Einzelheiten mit Ihnen oder einer/m Ihrer MitarbeiterInnen. Mit freundlichen Grüßen, Katharina Jukulli" Mädchen, ich bin Verleger und kein Krösus. Mit Höflichkeit kommst du weiter als mit dummen Drohungen und Forderungen. Ich lasse Tanja die Absage schreiben. Eine 08/15 Absage: „Leider paßt Ihr Roman nicht in unser Programm." |
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Münchner Verleger in Kalifornien verschwundenWie erst jetzt bekannt wurde, ist der Münchner Verleger Ulrich Kirdorf vor zwei Tagen in Los Angeles spurlos verschwunden. Nach einem Anruf gegen zwei Uhr mittags verließ er das Hotel mit unbekanntem Ziel. Seitdem gibt es kein Lebenszeichen mehr von ihm. Ein Gewaltverbrechen ist nicht auszuschließen. Die Polizei geht allen Hinweisen nach. Die lokalen Behörden sind in ständigem Kontakt mit dem FBI und dem deutschen Konsulat in Los Angeles. |
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I. Teil: UlrichUlrichs Tagebuch
1. Tag der Entführung, 10. Juni
Ruhig saß ich an dem Rand
Dieses Weib ist wirklich verrückt. Und ich bin ein Idiot. Aber wer rechnet denn mit sowas! Nach mehr als einem Jahr schlägt dieses Weib tatsächlich zu. Noch dazu in Amerika! Ich denke, sie hat kein Geld? Ich hab mich wie ein Trottel auf die Straße locken lassen. Was dann passiert ist, weiß ich nicht. Sie muß mich betäubt haben. Ich bin in einem fahrenden Campingwagen aufgewacht - auf einem Bett, die Hände links und rechts mit Handschellen gefesselt und der rechte Fuß auch. Wieso dürfen normale Bürger Handschellen kaufen? Sie hat mich nur angegrinst und gesagt, daß sie der Verkäuferin andeutete, daß sie und ihr Freund besondere Spiele liebten. Ein irres Gefühl, auf dem Bett zu liegen, gefesselt zu sein, nicht zu wissen, wohin es geht. Die Sonne scheint, aber sie hat zum Glück die Klimaanlage eingestellt. Es zieht. Sie muß auf einem Freeway fahren. Es gibt keine Stops, und die Fahrbahn scheint glatt asphaltiert zu sein. |
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Hat denn niemand
mein Verschwinden bemerkt? Wie hat sie mich in diesen Wagen bekommen?
Ganz einfach, erklärt sie mir am Abend. Sie hat mich mit einem Spray betäubt - und dann mit großem Theater um Hilfe geschrien. Ihr husband sei plötzlich zusammengebrochen. Ein Schwächeanfall! Die Passanten halfen ihr noch, mich ins Auto zu tragen und aufs Bett zu legen! Sie ließ sich die Adresse vom nächsten Krankenhaus geben! Und dann raste sie mit mir im Wohnwagenabteil los. In die Wüste. Die liebt sie ja so sehr. Fast so sehr wie mich, wie sie beteuert und mich dabei ansieht, daß sich mir alle Haare sträuben. Nein, ich bin nicht das Kaninchen, das sich von der Schlange hypnotisieren läßt. Aber sie hat so etwas Gewisses im Blick, eine solche Selbstverständlichkeit, wie es nur Verrückte, Besessene oder Genies fertigbringen. Ich weiß noch nicht, zu welcher Kategorie sie gehört. Vermutlich zählt sie sich zu den Genies. Eine Entführung, um einen Roman zu schreiben! Reiner Größenwahnsinn! Die Fahrgeräusche werden lauter. Der Straßenbelag ist offensichtlich rauher. Ganz selten höre ich ein anderes Auto überholen oder entgegenkommen. Nur noch das gleichförmige Brummen der Räder und des Motors vorne. Sie muß den Freeway verlassen haben. Plötzlich knirschen die Räder, das Auto fängt an zu schaukeln. Sie muß auf eine Schotterpiste abgebogen sein. Mein Gott, wohin bringt mich diese Irrsinnige! Hat sie einen Komplizen, der irgendwo wartet? Mein Handy! Es muß noch in der Jackettasche stecken. Aber da komme ich nicht heran. Die einzige Hoffnung, daß es möglichst lange funktioniert, damit man seine Position orten kann. |
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Regina Berlinghofs
"Schrödingers Katharina oder Liebe am anderen Ende der Welt erscheint
im Juni 2003 im YinYang Media Verlag, ISBN 3-935727-08-9, 260 Seiten,
br. Preis: 14,00 Euro
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Stand: Mai 2003