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    Raoul Schrott über Hafis: (FAZ 30.10.2001)

       Die Demut des Koran
     Erfahrungen eines neuen Gleichgewichts / Von Raoul Schrott 

[...]Man versteht ein Land entweder in sieben Tagen oder in sieben Jahren; dennoch aber blieben die Bilder des Iran so unterschiedlich wie widersprüchlich, und es gab so viele davon, wie es in einer Gasse des Teheraner Basars Spiegel gab. Der Westen kannte bloß zwei davon. Persien, das war der alte Orient der Touristen, die Teppiche, Wasserpfeifen, Rosen, Nachtigallen und Lustgärten; Iran jedoch Turban und Tschador, Fanatiker und Terroristen. Was wir von ihnen wußten, war wenig; sie von uns aber mehr als genug, um dies zu begreifen. Dafür aber hatte Kultur hier einmal auch eine unzweifelhafte Funktion, nämlich auf beiden Seiten die Klischees offenzulegen, bloßzustellen und auszuräumen, um die Grundlagen eines Dialogs zu schaffen, den die Politik dann vielleicht aufzugreifen imstande wäre.

 Das war Adolf Muschgs Idee zu verdanken und den Initiativen des Schweizer Botschafters Tim Guldimann und seiner Frau, die uns seit langem verschlossene Türen öffneten zu Ministern, Mitgliedern des Zensurbüros, Rechtsgelehrten des Islamischen Instituts, Übersetzern und Schriftstellern. Das Interesse, auf das wir stießen, lag im Bemühen, uns ihre Denkweisen nahezubringen; das unsere darin, sie in ihrer Differenziertheit zu begreifen. Ein Blatt vor den Mund zu nehmen war unnötig, Anlaß zur Provokation gab es keinen, und das wenige, was unausgesprochen blieb, lag dadurch nur um so deutlicher auf dem Tisch. Aber gleich ob wir über Hafis und Goethe sprachen, mit scholastischem Vokabular über Religion und Sprache disputierten oder über die Rolle der Literatur in der Gesellschaft debattierten, die Gespräche kreisten stets um den Konflikt zwischen Tradition und Modernismus - womit sie den westlichen Wertepluralismus, seine inflationäre Globalisierung und Medien meinten.

Tradition bedeutet für sie, in der Welt verortet zu sein, die existentielle Sicherheit von Glaubensgrundsätzen, die Demut des Koran. Nichts versinnbildlichte dies besser als die Gebetsnische in der Moschee; in ihr lag der Prediger nicht nur seinem Gott zu Füßen, sondern auch den Betenden ringsum. Der Koran erklärte Gott; Firdausis Epos "Shah- nama" aber lehrte sie Nationalstolz und die Selbstbehauptung des Menschen gegen jede Obrigkeit der "Divan" des Hafis.Und mit derselben Verehrung knieten sie auch an dessen Grab in Schiras und sprachen abends unterden Zypressen seine Verse im Chor mit. Daß sich noch Chamenei auf ihn berief, verriet bloß die merkwürdig widersprüchliche Geschlossenheit dieser Kultur. Doch gemessen an unseren Maßstäben war das so, als hätten das Nibelungenlied und Oswald von Wolkenstein heute noch tagespolitische Aussagekraft und als kulturelle Münze ihren Gültigkeit bewahrt. Wie sie aber an einen modernen Tauschwert anpassen, ohne sie zu entwerten? Für uns lag darin ein unüberwindlich scheinender Bruch: Doch zugleich war auch der Anspruch, überlieferte Wertvorstellungen ungebrochen weiterbestehen lassen zu wollen, verständlich und berechtigt.

Dort in Schiras machte der schnauzbärtige Romancier Mahmoud Doulatabadi aus seinem Pathos darüber keinen Hehl, und der Schriftsteller Shariar Mandanipour erzählte offen, wie er in seinem Idealismus freiwillig in den Irak-Krieg gezogen war: Es waren nackte Geschichten, grobe, blutige. Und einen Moment lang wurde einem auch die Anmaßung bewußt, mit der wir ihnen gegenübersaßen, belehrend und ohne das Bewußtsein verleugnen zu können, daß die Weltliteratur immer die unsere gewesen war. Dabei beneideten wir sie insgeheim um das Ansehen, das ihre Dichter genossen, die epische Fülle der Stoffe, während es umgekehrt ihnen schwer begreiflich zumachen war, welch gesellschaftlich marginalen Rang die Literatur bei uns spielt.

Wir waren angekommen, als die ersten Angriffe geflogen wurden, und waren doch weiter weg von aller Kriegshysterie als in Europa, wo man bestenfalls kopfschüttelnd auf diese Reise reagiert hatte. Niemand zeigte mit Fingern auf uns, nirgendwo. Spürbar aber war die Betroffenheit, über den 11.September und die Bombardements. Wenn wir nach dem Plenum dann noch mit Journalisten, Dissidenten und Intellektuellen zusammensaßen, war es aber jedesmal unmöglich, die Ambivalenzen des Landes in der gegenwärtigen Situation auch bloß ansatzweise schlüssig werden zu lassen. Wir suchten nach Konzepten und Modellen: Adolf mit seinem moralischen Gewissen und einem Glauben an das Gute, im Wissen darum, daß es letztlich vergeblich war; seine Frau Atsuko mit ihrer beherrschten Wut, die ihre Gerechtigkeit einforderte; Magnus, dessen sokratischer Intelligenz es um reale Proportionen ging und der an jeder Ideologie nur deren utilitaristischen Gebrauchswert zu akzeptieren bereit war; und ich, der ich wahrscheinlich die Poesie behauptete, aus einem eher anthropologischen Interesse daran, was die Menschen unabhängig von Zeiten und Orten antrieb. Und wurden jedesmal konfrontiert mit Argumenten, die alles erneut ins Gegenteil verkehrten. Es war, als gäbe es keine Einheit der Handlung, nur beschränkte Handlungsfreiheiten. Doch das, was wir als instabilen und kritischen Zustand sahen, schien hier gerade die Dinge im Gleichgewicht zuhalten. So, wie sie seit je jeder Okkupation zu widerstehen vermocht hatten, wußten sie längst, daß man wenn, dann nur auf rein Vorläufigem aufbauen konnte.

Hafis' Rosen und seine Nachtigallen sah ich nicht, nicht wirklich, trotz aller Mausoleen, Museen und ministeriellen Parks, in denen die Gespräche stattfanden. Dazwischen aber besuchten wir einen Ajatollah, den die Studenten verehrten, in seinem schäbigen Büro, am Ende eines langen Korridors. Er hatte im Gefängnis gesessen, berichtete, daß es noch an die hundert politische Häftlinge im Lande gab, was wenig und doch zuviel war, erklärte uns das Entstehen und die Auswirkungen einer Fatwa und plädierte offen, auch für die anwesende Presse, für einen Rückzug der Religion aus der Politik; nur so könne sie ihre Autorität noch bewahren, die eine humane war, diskrete. Er hatte nichts klerikal Händereibendes an sich. Sein Name war Kadivar, und er war das, was ich nur einen guten Menschen nennen kann, der erste, den ich in meinem Leben traf. Es klingt eigenartig, und es hatte auch nichts mit seinen Worten zu tun; ich sah es vielleicht in seinen Augen, ohne daß ich es besser zu sagen vermöchte. Er wußte, welche Gefahr er lief, aber sie schien ihm längst unerheblich geworden zu sein, und seine Stimme kam wie aus dem Leeren, wie von jenseits aller Bühnen und Tribünen.

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