Einige Kostproben aus den Orientalischen Nachdichtungen Hans Bethges:

 
Übersicht:
  • Die chinesische Flöte
  • Die Lieder und Gesänge des Hafis
  • Japanischer Frühling
  • Arabische Nächte
  • Das türkische Liederbuch
  • Die indische Harfe
  • Pfirsichblüten aus China
  • Omar Khayyam
  • Die armenische Nachtigall
  • Der asiatische Liebestempel
  • Der persische Rosengarten
  • Sa'di der Weise

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    Die chinesische Flöte - Nachdichtungen chinesischer Lyrik. 
    Band 1, 150 Seiten, 
    Euro 12,50  kt.
    ISBN 3-9806799-5-0
    Sa'di der Weise - Die Lieder und Sprüche des persischen Weisen und Dichters
    Erstveröffentlichung aus dem Nachlaß
    Band 12, 130 Seiten, 
    Euro 12,50  kt.
    ISBN 3-9806799-6-9
    Das türkische Liederbuch
    Band 5, 146 Seiten, 
    Euro 12,50  kt.
    ISBN 3-9806799-7-7
    Die indische Harfe*)
    Band 6, 155 Seiten, 
    Euro 12,50  kt.
    ISBN 3-9806799-8-5
    März 2003
    Japanischer Frühling
    Band 3, 151 Seiten, 
    Euro 12,50  kt.
    ISBN 3-935727-00-3
    Oktober 2003
    Omar Khayyam
    Band 9,  136 Seiten, 
    Euro 12,50  kt.
    ISBN 3-935727-01-1
    Oktober 2003
    Die armenische Nachtigall
    Band 9,  144 Seiten, 
    Euro 12,50  kt.
    ISBN 3-935727-02-X
    März 2004
    Die Lieder und Gesänge des Hafis
    Band 2,  148 Seiten, 
    Euro 12,50  kt.
    ISBN 3-935727-03-8
    Oktober 2004
    Der asiatische Liebestempel
    Band 10,  123 Seiten, 
    Euro 12,50  kt.
    ISBN 3-935727-04-6
    Oktober 2004
    Arabische Nächte
    Band 4,  143 Seiten, 
    Euro 12,50  kt.
    ISBN 3-935727-05-4
    März 2005
    Pfirsichblüten aus China
    Band 7,  ca. 150 Seiten, 
    Euro 12,50  kt.
    ISBN 3-935727-06-2
    Bethge Cover Der persische Rosengarten Oktober 2005
    Der persische Rosengarten
    Band 11,  ca. 150 Seiten, 
    Euro 12,50  kt.
    ISBN 3-935727-07-0
    Band 1: Die chinesische Flöte

    DER TANZ DER GÖTTER
    LI-TAI-PO 

    Zu meiner Flöte, die aus Jade ist, 
    Sang ich den Menschen tief bewegt ein Lied, –
    Die Menschen lachten, sie verstandens nicht.

    Da hob ich schmerzvoll meine Flöte, die
    Aus Jade ist, zum Himmel auf und brachte
    Mein Lied den Göttern dar. Die Götter waren
    Beglückt und huben auf erglühnden Wolken
    Nach meinem Lied zu tanzen an . . .

    Nun singe ich mein Lied den Menschen auch
    zur Freude; nun verstehen sie mich auch,
    Spiel‘ ich das Lied auf meiner Flöte, die
    aus Jade ist . . .

    DAS BLATT DER FRÜHLINGSWEIDE
    TSCHAN-TIU-LIN

    Nicht deshalb lieb ich jene junge Frau,
    Die träumerisch an ihrem Fenster lehnt,
    Weil sie den ragenden Palast besitzt
    Am Gelben Flusse, – nein, ich liebe sie,
    Weil sie dies kleine Blatt der Frühlingsweide
    Ins Wasser gleiten ließ . . .

    Nicht deshalb liebe ich den Ostwind, weil
    Er mir den holden Duft der Birnbaumblüten
    Herüberträgt von blumig weißen Höhen, –
    Nein, weil er mir das Blatt der Frühlingsweide
    An meinen Kahn trieb, – darum lieb ich ihn!

    Nicht deshalb lieb ich dieses kleine Blatt
    Der Frühlingsweise, weil es mir die Wonnen
    Des Lenzes bringt, – nein, weil die junge Frau
    Mit einer feinen Nadel meinen Namen
    Hineingeritzt hat, – darum lieb ich es!

    DIE JUNGEN MÄDCHEN VON EINST
    WANG-TSCHANG-LING

    Von einst die jungen Mädchen ruhen sich
    In blühendem Gebüsch und plaudern leise.

    „Man sagt,“ so flüstern sie, „wir seien alt,
    Und unsre Haare seien weiß geworden,
    Und unsre Gesichter seien nicht
    Mehr süß und strahlend wie der junge Mond.
    Was wissen wir davon? Die also sprechen,
    Tun es aus Schmähsucht. Kann man selber sich
    Denn sehen! Freundinnen, nicht unter uns –
    Nein, in dem Spiegel herrscht der böse Winter,
    Der weißen Schnee auf unsre Haare schüttet
    Und unsre Mienen alt erscheinen läßt.

    Nur in dem Spiegel herrscht der böse Winter . . .“

    Das Trinklied vom Jammer der Erde
    Li Tai Po (gelesen von Bernhard Minetti: - Audio)

    Schon winkt der Wein in goldenen Pokalen, –
    Doch trinkt noch nicht! Erst sing ich euch ein Lied!
    Das Lied vom Kummer soll euch in die Seele
    Auflachend klingen! Wenn der Kummer naht,
    So stirbt die Freude, der Gesang erstirbt,
    Wüst liegen die Gemächer meiner Seele.
     Dunkel ist das Leben, ist der Tod.

    Dein Keller birgt des goldnen Weins die Fülle,
    Herr dieses Hauses,  –  ich besitze andres:
    Hier diese lange Laute nenn ich mein!
    Die Laute schlagen und die Gläser leeren,
    Das sind zwei Dinge, die zusammenpassen!
    Ein voller Becher Weins zur rechten Zeit
    Ist mehr wert als die Reiche dieser Erde.
     Dunkel ist das Leben, ist der Tod.

    Das Firmament blaut ewig, und die Erde
    Wird lange feststehn auf den alten Füßen, –
    Du aber, Mensch, wie lange lebst denn du?
    Nicht hundert Jahre darfst du dich ergötzen
    An all dem morschen Tande dieser Erde,
    Nur Ein Besitztum ist dir ganz gewiß:
    Das ist das Grab, das grinsende, am Ende.
     Dunkel ist das Leben, ist der Tod.

    Seht dort hinab! Im Mondschein auf den Gräbern
    Hockt eine wild-gespenstische Gestalt.
    Ein Affe ist es! Hört ihr, wie sein Heulen
    Hinausgellt in den süßen Duft des Abends?
    Jetzt nehmt den Wein!  Jetzt ist es Zeit, Genossen!
    Leert eure goldnen Becher bis zum Grund!
     Dunkel ist das Leben, ist der Tod.

    (Dieses Gedicht und sechs weitere inspirierten Gustav Mahler zu seinem "Das Lied von der Erde)
    weitere Gedichte, gelesen von Bernhard Minetti:
     

    Die geheimnisvolle Flöte
    Li Tai Po

    An einem Abend, da die Blumen dufteten
    Und alle Blätter an den Bäumen, trug der Wind mir
    Das Lied einer entfernten Flöte zu. Da schnitt
    Ich einen Weidenzweig vom Strauche, und
    Mein Lied flog, Antwort gebend, durch die blühende Nacht.

    Seit jenem Abend hören, wann die Erde schläft, 
    Die Vögel ein Gespräch in ihrer Sprache.
     

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    Band 2: Die Lieder und Gesänge des Hafis
    Die Lieder und Gesänge des persischen Sängers

    GENESUNG

    Der dummen Weisheit und der albernen Tugend
    War ich zu lange nachgegangen, – nun
    War ich gar müde meiner jungen Tage.

    Da kamest du und sprachest: Her zu mir!
    Bei mir ist heitre Torheit! Pflücke dir
    Die Sünde ab von meinen Rosenlippen
    Und meinen Brüsten, die vor Jugend starren!

    Da kam ich, voller Glück, daß du mir hold warst,
    Und tat, wie du geheißen – und genas.

    DIE HIMMELSBOGEN (gelesen von Regina Berlinghof - Audio)

    Ich kniete nieder zum Gebet und wandte
    Den Blick zum Himmel: doch ich sah nur immer
    Die Brauen deiner Augen, – stets nur sie.

    Die Schönheit dieser kleinen Himmelsbogen
    Nahm völlig mir die Aussicht auf den großen
    Azurenen Himmelsbogen Allahs. Lächelnd,

    Ganz außerstande, meinen Geist zu sammeln,
    Erhob ich mich und ließ das Beten sein.

    DER VERLIEBTE ZECHER

    Es lehrt die Nachtigall zur Rosenzeit
    Weisheit der Liebe mit gar süßem Schalle, –
    Und Hafis lauscht beseligt ihrem Flöten.

    Er schreibt in Versen nieder seine Meinung –
    Und sie ist: Wein in blühendem Rosengarten
    Und dazu eine Freundin lachenden Munds!

    O Wein und Liebe! Herrlichste der Güter, –
    Was wäre diese Erde ohne eure
    Entzückung! Eine Wüste voller Qual!

    Ich flehe auf zum Himmel: Allah, nimmer
    Erlöse mich aus diesem süßen Banden,
    Die sie die Sünde nennen: Wein und Liebe!
     

    KOSTBARKEITEN

    Das sind die Kostbarkeiten dieser Erde:

    Ein Saitenspiel, ein Becher Wein, ein Tanz
    Schlankbeiniger Mädchen, einer Liebsten Gunst
    Und dann ein Schweigen – ja, ein tiefes Schweigen.

    weitere Hafis-Gedichte, gelesen von Regina Berlinghof
     

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    Band 3: Japanischer Frühling

    TÄUSCHUNG
    YORIKITO

    Ich glaubte, daß die weißen Blüten
    Des Frühlings mir entgegentrieben.

    Ich irrte mich. Es war das Glänzen,
    Das Liebesglänzen deiner Schönheit.
     

    BITTE AN DEN HUND
    UNBEKANNTE DICHTERIN

    Wenn mein Geliebter in der Nacht
    Den Binsenzaun durchbricht und leise
    Zu mir hereinsteigt, – Hund, ich rate 
    Dir ernstlich: hülle dich in Schweigen,
    Verrate ihn den Leuten nicht, –
    Es soll dir gut gehn, lieber Hund!

    TRÜBSINN
    MITSUNE

    Du flohest in die Berge, voller Haß
    Gegen die Welt. Wenn in den Bergen nun
    Dich auch der dunkle Trübsinn überfällt, –
    Wohin dann willst du weiter fliehn, o Freund?

    LIEBE
    UNBEKANNTER DICHTER

    Die Liebe rast durch meine Brust,
    So wie durch weite, dunkle Wälder
    Ein Berggewässer unterm Laub
    Der ungeheuren Bäume rast.

    Die Fichte trotzt auf Felsenhöhen
    Fast ohne Nahrung Wind und Wetter.
    Die Liebe braucht noch weniger Reichtum,
    Um froh zu trotzen aller Welt!
     

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    Band 4: Arabische Nächte

    AN EINE SÄNGERIN
    AUS TAUSEND UND EINE NACHT

    Du wundervolle Frau schlägst die Gitarre
    Mit deiern Finger zarten Spitzen, und
    Die Seelen sind ergriffen bis ins Tiefste.

    Du singst: und deine zauberhafte Stimme
    Verleiht den Tauben ihr Gehör zurück,
    Und selbst der Stumme ruft: O herrlich! herrlich!
     

    TÖTENDE LIEBE  S. 24
    KALIF YAZID IBN MOAUJA

    Ich habe auf den Knien um ihre Liebe 
    Sie angebettelt. Darauf sagte sie:
    Weißt du denn nicht, daß alle, die im Traume 
    Mich zu besitzen meinen, beim Erwachen
    Verzweifelt sterben, weil sie nun erkennen,
    Daß sie mich n i c h t besitzen? Ach, zu viele
    Sind hingesiecht, aus Leidenschaft zu mir,
    Bis in den Tod. Die andern, die nicht wagten
    Mir ihres Herzens Qualen zu gestehen,
    Sind fortgereist und kehrten nie zurück...

    Und ich entgegnete: Ich bitte Gott
    Um Nachsicht für die Glut, die in mir lodert,
    Und werde standhaft und voll Muts beharren
    Bei meiner Liebe, die dich ganz umschlingt.

    Und dann verließ sie mich. Und ich stand da
    Wie ausgedorrt, ein abgestorbener Baum.

    DIE MACHT DER LIEBE (gelesen von Regina Berlinghof - Audio)
    HARUN AL RASCHID

    Drei holde Wesen lenken mich, nachdem sie
    Die Zügel an sich rissen. Allen Raum
    In meinem Herzen haben sie besetzt.

    Ein ganzes Volk gehorcht mir. Wie ist’s möglich,
    Daß jene drei sich mir nicht beugen wollen
    Und daß ich selber ihnen dienstbar bin?

    Ich seh es ein: die Macht der Liebe ist
    Gewaltiger als alle andre Herrschaft,
    Selbst als die Macht auf einem Königsthron.
     

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    Band 5: Das türkische Liederbuch

    HÖCHSTE LIEBE  (gelesen von Regina Berlinghof - Audio)
    SULTAN SELIM I.

    Fürwahr, es ist so weit mit mir gekommen, 
    Daß, wenn es nicht verruchter Frevel wär,
    Ich zu ihr spräche, voller Anbetung:
    „Wo Gott ist? Hier bei dir. Du bist es selbst."

    NICHT ABZUWEISEN
    NEFI

    Du fragst nicht, ob mein Herz die Wunden
    Aushält, die ihm die Liebe schlägt.
    Nimmst du so wenig teil, o Schöne,
    An deines Freundes Liebesqual?

    Was tun? Dein Freund kennt keine Mittel,
    Sein heißes Herz in Zaum zu halten.
    Er knüpft sein Herz an deine Haare
    Und folgt dir ewig, ewig nach...

    NABI

    Da bitten sie um Wein aus den geliebten 
    Gar wundervollen Händen dieser Schönen.

    Sie könnten ebenso um Wasser bitten
    Aus sommerlicher Glut des Sonnenstrahls.
     
     

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    Band 6: Die indische Harfe

    WINTER
    KALIDASA

    Die Mädchen sehn auf ihre stolzen Glieder
    Mit Lust hinab: da hat der Liebst sie
    Umarmt, geküßt. Mit einem leisen Dehnen
    Des Körpers gleiten sie in ihre Kleider,
    Hinlugend durch das aufgelöste Haar.
     

    SOMMER
    KALIDASA

    Der Duft nach Sandel, den die seidnen Fächer
    Über die Brüste schöner Frauen wehn, 
    Die Perlen auf der braunen Haut, Gesänge,
    Der Klang der Harfen und das Lied der Vögel –
    Das alles weckt den Gott der Liebe auf,
    Und neue Lust und neue Qual beginnt.

    VIEL LIEBER
    BHARTRIHARI

    Viel lieber laß ich mich von einer Schlange,
    von einer länglichen, beweglichen,
    Die bläulich schimmert wie die Lotosblumen,
    Anblicken, als von eines Weibes Aug,
    Das auch so blau erstrahlt: Bin ich gebissen,
    So find ich sicher einen Arzt, der gerne
    Mich heilen wird; wer aber heilt mich wohl
    Vom Liebesblicke einer schönen Frau?
     

    IMMER MEHR
    BHARTRIHARI

    Ist sie nicht da, so wünscht man Eines nur:
    Daß sie erscheine. Wenn sie dann erschien,
    So wünscht man Eines nur: sie zu umarmen.
    Und hat man sie umarmt, so wünscht man wieder
    Nur eines: mit ihr selig Eins zu sein.

    ZU GLEICHER ZEIT
    AMARU

    „O Freundin! Da die Liebe meines Liebsten
    So launenhaft und unbeständig ist,
    Kehr ich mich ab von ihm. Der Liebesgott
    Mag mir das Herz zerbrechen, – mit dem Freunde
    Hat meine Seele fürder nichts zu gemein.“

    Laut sprach es die Gazellenäugige
    Im Übermaße ihres Zorns. Jedoch
    Zu gleicher Zeit ließ  sie voller banger Unruh
    Den Blick auf jenen Weg hinüberschweifen,
    Der meistens den Geliebten zu ihr trug.
     

    DER RAT DER FREUNDIN
    AMARU

    „Einfältige! Sei doch so selbstlos nicht
    Zu dem Geliebten! Sei verschlagnen Sinnes
    Und zeige Selbstgefühl und nahe dich
    Dem Freunde nicht auf allzu geradem Weg!“

    Entsetzen faßte sie, da ihre Freundin
    So zu ihr sprach, und sie erwiderte:
    „Sprich leise, bitte, der Geliebte wohnt
    In meinem Herzen, – o nicht auszudenken, 
    Wenn er den Frevel deines Rats vernähm!“
     

    GLEICHNIS
    AUS DEM SCHRINGARATILAKA

    Dies Mädchen ist ein Jäger: ihrer Augen
    Gewölbe Brauen dienen ihr als Bogen,
    Die Blicke ihrer Augen sind die Pfeile,
    Und die Gazelle, die sie jagt: mein Herz.
     

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    Band 7: Pfirsichblüten aus China

    ERKENNTNIS
    SONG-TSCHI-WEN

    Der Regenstrom, der vom Gebirge kam,
    Zerstob zugleich mit dem Gewitterwinde,
    Und groß und strahlend trat die Sonne vor.

    Die Wälder in dem Tale schienen grüner
    Und herrlicher als je. Ich schritt zum Tempel,
    Wo mich ein würdiger Priester still empfing.

    Die irdischen Gedanken warf ich ab
    Und einte mit dem heiligen Mann mich,
    Der letzten Weisheit Lehren zu betrachten.

    Wir sprachen, sprachen, – und zum Schlusse war
    Erschöpft, was wir mit Worten sagen konnten,
    Ich sah die Blumen schweigend um uns stehn.

    Die Vögel hörte ich, die über uns
    Im Himmelsraume schwebten, – wunderbar
    Tat sich die große Wahrheit vor mir auf.
     

    JUGEND
    LI-TAI-PO

    Ein sorgenloser Jüngling, der am Wege
    Der kaiserlichen Grabdenkmäler wohnt,
    Verläßt auf weißem Hengste stolz sein Haus.

    Er bringt das Tier, an dessen Sattelzeug
    Geputztes Silber funkelt, in Galopp
    Und reitet froh durch weichen Frühlingswind.

    Unter des Schimmels Hufen wirbeln Wolken
    Von Blütenblättern auf. Ein hoher Teppich
    Von bunten Blüten füllt den ganzen Weg.

    Nun reitet er im Schritt. Er weiß nicht recht,
    Wo er verweilen soll. Er blickt umher, –
    In seinem Aug ist Unentschlossenheit.

    Da dringt das leichte Lachen einer Frau
    Aus einem Blütenbusch. Er stutzt, er hält.
    Nun weiß er gleich, wo er verweilen soll!
     

    DER JAHRES TAG
    TSUI-RU

    Von einem Jahr, am gleichen Tag wie heut,
    Sah ich im Rahmen dieser Tür ein Bild:

    Da war ein zartes Frauengesicht
    Und eines Pfirsichbaumes Blütenzweig.

    In einen Sonnenstrahl gebadet, einten
    Die beiden sich zu feinem rosa Glanz.

    Wo aber ist an diesem Frühlingstag
    Das vielgeliebte Antlitz? Wehe, nur

    Der Blütenzweig des Pfirsichbaums ist da.
    Er lächelt durch den Frühlingswind. Mich friert.

    DAS MÄDCHEN AM FENSTER
    SCHÜIN-LING

    Sieh, aus dem dunkeln Hintergrund des Fensters,
    Das eingerahmt von Frühlingsblumen ist,
    Taucht zart und süß ein junges Mädchen auf.

    Sie neigt nach vorne sich, erst halb bekleidet,
    Die jugendliche Haut ist hell wie Neuschnee, 
    Jetzt strahlt sie klar über dem Sims aus Stein.

    Von ihrer Kleidung ist fast nichts zu sehen,
    Nur ihres Haares Schmuck ist schon beendet,
    Die Augenbrauen zeigen Halbmondform.

    Mit einer kleinen Kanne aus Metall,
    Die zärtlich sie in ihrer Rechten hält,
    Gießt sie die Blumen, neigt sich hin und her.

    Wir gerne würde ich an ihrer Stelle,
    Indes sie still an meiner Schulter lehnte,
    Die Blumen gießen morgens und am Abend!

    WUNSCH
    LI-HUNG-TSCHANG

    O Drachengott! Der Du dem uferlosen,
    Gewaltigen Meer des Todes als Beherrscher
    Vorstehst, hör zu:

    Wenn ich dereinst in glühnder Träumerei
    am Herzen meiner Freundin ruh, berauscht
    Von ihrem Atem, – dann erscheine, nimm
    Mich und die Herrliche samt ihrem Atem
    Und führ uns fort auf Deinem Geisterschiffe,
    Daß so wir in die Ewigkeit entschweben,
    Von Liebe trunken, selig, eng vereint!
     

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    Band 8: Omar Khayyam

    Von der Freiheit

    Weißt du, o Freund, warum wir die Zypresse
    Den Baum der Freiheit nennen und die Lilie
    Der Freiheit Blume heißt? Wohl hundert Arme
    Von stolzem Wuchs hat die Zypresse, dennoch
    Greift sie nicht zu. Zehn Blütenblätter hat 
    Die Lilie, das sind Zungen, dennoch redet 
    Sie nicht ein Wort. Ahnst du, was Freiheit ist?
     

    Glaubensbekenntnis

    Ich zieh es vor, mit einem hübschen Mädchen
    Die Zeit in einem Weinhaus zu verplaudern
    Als ohne sie zu beten in der Kirche.

    Und ich bin kühn genug, verzeih mir, Gott, 
    Dies ehrliche Bekenntnis meines Glaubens
    Dir vorzutragen ohne Scham und Scheu.
     

    Die Gegensätzlichen

    Wie lange noch, du frömmelnder Asket,
    Wirst fluchen du auf mein bescheidnes Glück,
    Das mir dein neidgeschwollnes Herz mißgönnt?

    Sehr anders sind wir beide, das ist wahr:
    Du heuchelst frommen Sinn beim Rosenkranze,
    Ich trinke Wein und denke nichts als Liebe
     

    Es scheint mir klüger...  (gelesen von Regina Berlinghof - Audio)

    Es scheint mir klüger, edeln Wein zu trinken
    Und hübsche Mädchen um die Brust zu fassen
    Als heuchlerisch ein Tugendbold zu sein.

    Wenn wirklich alle Trinker und Verliebten
    Zur Hölle müssen, wie geschrieben steht, –
    Ist dann ein Mensch zu finden, der Lust hat,
    Einsam ins öde Paradies zu ziehn?

    Viel köstlicher (gelesen von Regina Berlinghof - Audio)

    Viel köstlicher als aller Ruhm der Erde
    Ist’s, einen Trunk aus vollem Glas zu tun;
    viel köstlicher und Gott gefälliger
    Als frommes Plappern ist der Hauch des Glückes,
    Der leis vom Munde der Verliebten weht.

    Sünden

    Du hast die Schlange uns beschert im Paradiese,
    Du suchst uns, Gott, durch schreckliche Versuchung heim;
    Vergib die Sünden, die belasten unser Leben, –
    Auch deine Sünden seien dir vergeben!

    Über allem die Liebe

    Wenn tief in deiner Brust die Liebe wohnt,
    So ist es gleich, ob du zu Allah betest

    Oder zum Gott der Ketzer: ward dein Name
    Ins goldne Buch der Liebe eingetragen,
    Unwichtig ist dir’s, ob du einst belohnt
    Oder bestraft wirst in der Ewigkeit.

    weitere Omar-Khayyam-Gedichte, gelesen von Regina Berlinghof
     

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    Band 9: Die armenische Nachtigall
    Die Lieder des Nahabed Kutschak und anderer armenischer Dichter

    AN KÖNIG DAVID (gelesen von Regina Berlinghof - Audio)

    O König David, mächtiger Prophet: 
    Dir beicht ich meine Sünden, denn ich hoffe,
    Durch deine Gnade wird Verzeihung mir.

    Ein Mädchen lieb ich, zart wie eine Blume,
    Ich liebe sie wie meine beiden Augen,
    Sie ist schön, daß, wenn sie zu dir käme,
    Du sie in deine Kammer ließest ein;
    Tagsüber würdest du die schönsten Psalmen
    Zu ihrem Lobe singen; doch die Nächte
    Verbrächtest du im reinsten Glück mit ihr.

    GEBURT UND TOD

    Am Tag, da du geboren wurdest, weintest du,
    Indessen alle, die dich sahn, voll Freude waren.
    Ich weiß: die Tage deines Lebens sind so rein,
    Daß du dereinst, wenn deine Todesstunde naht,
    Wirst lächeln dürfen, während alle, die dich kennen,
    In Tränen sind aus tiefem Gram um dich.

    RACHE AM HAHN

    Kaum daß wir liebend uns umschlungen hatten,
    Da rief der Hahn und kündete den Morgen
    Mit seinem unmelodischen Geschrei.
    Das Messer diesem Vieh und an den Bratspieß
    Und Feuer angelegt, um ihn zu rösten!
    Dann wollen wir ihn nehmen und ins Tal
    Hinüberwandern, ihn in Stücke teilen
    Und ihn verzehren, einsam, du und ich.

    Aus seinen weißen Knochen aber wollen
    Wir einen kleinen Liebestempel bauen,
    Und seine bunten Federn sollen bilden
    Des kleinen Liebestempels Kuppeldach...

    BEICHTE

    Niemals, solang ich meiner teuren Mutter
    Das Leben danke, hab ich einem Priester
    Gebeichtet; immer, wenn ich einen sah,
    Wich ich ihm aus und wandte mich beiseit.
    Stets aber, wenn mein Aug ein schönes Mädchen
    Erspähte, trat ich ihr mit offnen Armen 
    Entgegen, und ihr weißer Leib ward mir
    Zur Kirche, und gebeichtet habe ich
    Mit Andacht ihrer liebewarmen Brust.
     

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    Band 10: Der asiatische Liebestempel

    DIE LIEBE. (gelesen von Regina Berlinghof - Audio)
    RAHCHAN KAYIL (AFGHANISTAN)

    Am schönsten strahlt der Herr des Himmels
    Sein Wesen in der Liebe aus.
    Der Liebe höchste Augenblicke,
    Wenn sie auch schnell vorüberrauschen,
    Umschließen jeder schauervoll
    Die ganze dunkle Ewigkeit.
     

    ZURÜCKGEWIESENE WERBUNG
    ANNAM

    Ich habe meinen Zähnen Glanz verliehen,
    Damit ich einen Gatten finde. – „Mädchen,
    Das trifft sich gut, -- ich suche eine Frau!

    Wie wär es, wenn wir beide uns vereinten?
    Begleite mich! Wir wollen Hochzeit machen
    In meinem Dorfe, das Mo-Lao heißt!“

    Wenn Äste am Bananenbaume wachsen,
    Wenn an den Zwiebelstauden Rosen blühen
    Und wenn die Turteltaube ihre Eier

    Ins Wasser legt und in das Laub der Bäume
    Der Aal emporsteigt, um sein Nest zu bauen, --
    Dann will ich kommen, euer Weib zu sein!

    HÖCHSTE GLÜCKSELIGKEIT
    BURMA (gelesen von Regina Berlinghof - Audio)

    So wie ein Tropfen Tau, der von der Brust
    Der duftenden, verliebten, an die ganze
    Schöpfung mit Inbrunst hingegebnen Nacht
    Hinabfällt auf die jungfräuliche Rose
    Und dort in seiner winzigen Weltenkugel
    Das ganze Werk des Brahma widerspiegelt,
    Den ganzen Himmel und die ganze Erde:

    So strahlt der Tropfen Tau, den deine Liebe
    Auf meines Herzens Blütenblatt gesendet,
    Den goldnen Himmel wieder, den die Seele
    Sich so ersehnt: das himmlische Nirwana.
    Durch deine Liebe durft ich schon auf Erden
    Die höchste Lust der überirdischen Wonne
    Empfinden; durch den Zauber deiner Liebe
    Hab ich erkannt, daß meines Wesens Kern
    Vom Paradiese stammt,  daß ich ein Teil
    Des Gottes bin, der diese Welt erschuf.
     

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    Band 11: Der persische Rosengarten

    AN EIN SCHÖNES CHRISTENMÄDCHEN
    ABU-SALICH

    Du bist zwar Ketzerblut, und höllisch ist
    Dein Glaube, – aber himmlisch strebt dein Wuchs,
    Und deines Auges Glanz entstammt dem Reh.

    Wie Tulpen deine Wangen! Deine Lippen
    Hat wohl ein Maler dem fernen China
    Mit lieblichem Zinnober angetuscht.

    Ein Hügelchen aus wundervoller Seide
    Der Rücken deiner Nase! Wie ein Knoten
    In zarten Seidenfäden eingeknüpft.

    Dein Haupt das Paradies; auf deinen Lenden
    Der Frühling; und dazwischen ragt verwirrend
    Das silberne Bergland deines Busens auf . . .
     

    ALLEINHEIT GOTTES
    FIRDAUSI

    Das Höchste in der Welt und das Tiefste,
    Gott, bist du.
    Ich weiß nicht, was du bist. Aber dies weiß 
    Ich: Alles, was ist, bist du.
     

    JESUS UND DER TOTE HUND
    NIZAMI

    Als Jesus, der auf Erden wanderte,
    Dereinst an einem Markt vorüberkam,
    Sah er am Wege einen toten Hund.

    Es standen viele Menschen um die Leiche.
    Sie plauderten. Der eine sagte mürrisch:
    „Pfui, der Gestank verpestet uns das Hirn.“

    Ein andrer sagte: „Solch ein Aas bringt Unglück.“
    Und ähnlich schwätzten alle. Jeder schmähte
    Auf seine Art das tote Hundetier.

    Da öffnete auch Jesus seinen Mund
    Und sagte ruhig und in großer Güte:
    „Seht, seine Zähne leuchten schön wie Perlen . . .“

    Wie da verstummten die Umstehenden
    Und heiße Scham ihr Inneres durchrann
    Und sie heimschlichen mit gesenkten Häuptern.
     

    ERKENNTNIS GOTTES
    DSCHAMI

    Demütig lerne Gottes Wesen aus
    Dem Wesen Gottes selber, nimmermehr
    Aus klügelnden Beweisen zu erfassen.
    Sind etwa Fackel oder Kerze nötig,
    Um dich den Glanz der Sonne sehn zu lassen?
     

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    Band 12: Sa'di der Weise
     

    AN DEN LESER

    Aus vielen fernen Ländern kehrt ich heim:
    Aus Indien, Arabien, Ägypten.

    Wer aus Ägypten heimkehrt, der bringt Zucker
    Den Freunden mit als süßes Angebinde.
    Ich habe keinen Zucker mitgebracht,
    Doch Verse, die noch süßer sind als Zucker:
    Sie laben zwar die Zunge nicht, die eitle,
    Wohl aber deinen Geist, der ewig ist.
     

    GRENZENLOSE HINGABE

    Tu mit mir, was du willst. Willst du mich töten, 
    So töte mich; will mich dein Herz erhören,
    Erhöre mich, – und es wird himmlisch sein!

    Dies aber weiß ich: wenn du mich verlässest,
    Werd ich mein Leben lang nur immer suchen
    Nach einem Glück, beseligend wie du!
     

    VERSCHIEDENE  AUGEN

    Das Auge dessen, der dir übel will,
    Wird deines Herzens hellste Tugenden
    Doch immer nur als dunkle Laster sehn.

    Der Liebende jedoch, wenn du mit Lastern
    beladen bist und hast nur eine Tugend, 
    Sieht deiner Sünden nicht die kleinste Spur.

    DER  PILGER

    Ein Frommer, der nach Mekka pilgerte,
    Warf sich im Laufe seiner strengen Wallfahrt
    Zahllose Male nieder zum Gebet.

    Wenn sich, indes er wanderte, ein Dorn
    In seinem Fuß vergrub, ließ er ihn stecken
    Und wallte weiter, als verspürt‘ er nichts.

    Er litt, jedoch in seinem frommen Dünkel
    Erschien ihm gut und edel, was er machte, 
    Stolz war er auf sein Tun, der Törichte.

    Er meinte, daß er Gottes Wege schreite;
    Da, eines Tages, jählings, drang es warnend
    Von unsichtbarem Munde an sein Ohr:

    „Du strenger Mann der Pflicht, meinst du denn wirklich,
    Gebet und Andacht und Sichquälen seien
    Die wahren Opfer auf des Herrn Altar?

    Viel lieber als ein Leib, der tausendmal
    Sich niederwirft, ist unserm Gott ein Herz,
    Das wohlzutun und Glück zu spenden weiß.“

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    Stand: Juni 2004